Geschichte

Auszug "Herzfleischentartung"

von Dr. Ludwig Laher

Heute wird im Sterbebuch schon wieder fein säuberlich wohnhaft in St. Pantaleon, Weyer Nr. 6 notiert. Auf die Bezeugungsdienste von Dr. Straffner legt Michael Kaltenberger allerdings nach allem, was passiert ist, keinen gesteigerten Wert mehr. Die Diagnose für das tote Zigeunerkind Rudolf Haas stellt diesmal Sturmführer Gottfried Haimbuchner, das wegen vergleichsweise minderer Belastung von der Untersuchungshaft vorläufig verschont gebliebene einzige Überbleibsel der SA-Gruppe Alpenland im Lager.
Lebensschwäche tragen sie gemeinsam als Todesursache ein, die beiden schrecklichen Herren, Lebensschwäche!
Eine lateinische Entsprechung ist ihnen nicht geläufig. Auf sie muß leider verzichtet werden.

Einen Tag später stellt der Gemeindearzt routiniert und lustlos im Schnellverfahren die formelle Todesbescheinigung aus:
1. Vor- und Familiennamen (bei Kindern unter 14 Jahren ist Beruf und Name der Eltern bzw. der unehelichen Mutter anzugeben): Haas Rudolf. 2. Geschlecht: männlich. 3. Geburtstag und -Ort: 8.4.1941. 4. Tag und Stunde des Todes: 5.5.1941, 15:30. 5. Beruf (bei Ehefrauen des Mannes, bei Kindern des Vaters): Zigeuner. 6. Wohnung (Ort, Straße, Hausnummer): Weyer Nr. 6. 7. Ort, Straße und Hausnummer, wo der Tod eingetreten ist: Weyer Nr. 6. 8. Tag und Stunde der Leichenbesichtigung: 6.5.1941, 15:30. 9. Todesursache: Lebensschwäche......

...
In diesem Punkt wenigstens geht das Kalkül der Partei voll auf: Während die Ereignisse rund um das Arbeitserziehungslager zumindest von der Justiz genauestens unter die Lupe genommen werden, wird sich die nächsten sechzig Jahre kein Mensch so intensiv mit dem Romalager beschäftigen, daß vom kleinen Rudolf Haas und den möglichen dubiosen Umständen seines frühen Hinscheidens irgendwo die Rede sein wird. Eigentlich wird sich bis auf einen einsamen Historiker kaum wer überhaupt damit beschäftigen, die Staatsanwaltschaft des Dritten Reiches nicht und die Republik Österreich auch nicht. Die Gemeinde St. Pantaleon nicht, nicht das Land Oberösterreich, und einzelne sensible Personen, die das Elend mitansehen mußten, wohl nur in ihren Träumen.

Rudolf ist, ob man will oder nicht, ein Kind dieser Gemeinde....... das Sterbebuch weist den Sohn dieses Paares immerhin als katholisch aus....

Dr. Ludwig Laher



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